Projektstudium

Nähere Informationen zum Projektstudium „Universität in gesellschaftlicher Verantwortung“

Die offizielle Grundlage des auf drei Semester angelegten Projektstudiums „Universität in gesellschaftlicher Verantwortung“ ist die sogenannte Modulbeschreibung. Sie ist in der aktuellen Fassung auf den Seiten 10 und 11 des „Modulhandbuchs über Wahlpflichtmodule im Fachüberschreitenden Bereich des Studiengangs Bachelor of Arts Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ zu finden.

Für Fragen zum Projektstudium „Universität in gesellschaftlicher Verantwortung“ steht Florian Muhl als Modulverantwortlicher gerne bereit.

In der Ausgabe zum Sommersemester 2021 der Zeitschrift des Fachschaftsrats (FSR) Erziehungswissenschaft, dem „PI-Rat“, ist auf Seite 7-8 ein Artikel erschienen, der über die Hintergründe der Einführung des Fachüberschreitenden Bereichs sowie die bisherigen Durchgänge des Projektstudiums informiert.

Er ist hier im Folgenden dokumentiert:


DER FACHÜBERSCHREITENDE BEREICH (FÜB) – KONZIPIERT ALS ORT DER CITOYEN-BILDUNG

PI-Rat-CoverAllen grundständig Erziehungswissenschaft- und Bildungswissenschaft-Studierenden ist er bekannt: Der Bereich, der an unserer Fakultät FÜB (Fachüberschreitender Bereich) bzw. FÜS (Fachüberschreitendes Studium) heißt, ist uniweit durch die kontinuierliche Studienreform „von unten“ erstritten worden.

Vorher (bis 2014) hieß dieser Bereich des Studiums, der eigens für die Bachelor- und Master-Studiengänge im Rahmen der Bologna-Reform konzipiert worden war, ABK (Allgemeine berufsqualifizierende Kompetenzen). Von den geistigen Machern war es so gedacht, dass dort vor allem soft-skills erlernt werden sollen (der Alltime-Favorit: Ein Workshop zu (sinngemäß) „Wie halte ich die Füße still und bastele eine Pinnwand?“) – also Kompetenzen, um sich gut präsentieren zu können. So wie auch die transformierte unternehmerische Uni darauf aus sein sollte, international sichtbar zu werden – so wie die Leuchttürme auf hoher See.

Mit Erkenntnisbildung – die viel mit Licht, Aufklärung, dem wissenschaftlichen Streit, dem Ringen um Wahrheit zu tun hat und damit originäre wissenschaftliche Aufgabe ist – hat das jedoch nichts zu tun. Vielmehr sollen die Universitäten seit den 1990er Jahren um zu geringe finanzielle Mittel sowie auch um ihre Erkenntnisse konkurrieren, um ein noch größerer „Leuchtturm zu werden als die anderen – quasi ein internationaler Leuchtturm-Vergleich. Die internationale (auch wissenschaftliche) Solidarität, für die sich die 68er-Bewegung eingesetzt hat, mit dem Anspruch die Lebensbedingungen der Menschen weltweit zu verbessern, sollte abgelöst werden durch die internationale (Standort-)Konkurrenz, damit die Wissenschaft bloß nicht zu frech und anspruchsvoll wird.

Diesen Konflikt um Uni in gesellschaftlicher Verantwortung haben vor allem aktive Studierende mit der Studienreform geführt und es ist gelungen, den ABK-Bereich uniweit abzuschaffen sowie in jeder Fakultät neu zu konzipierende „Werkstatt-Bereiche“ zu schaffen.

In vielen Auseinandersetzungen sowohl an dieser Fakultät als auch uniweit streiten wir fortgesetzt darum, worum es eigentlich in einer Universität gehen sollte bzw. welche Aufgabe Universität hat: Die Bearbeitung und Lösung gesellschaftlich drängender Fragen und Probleme, die der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki als die epochaltypischen Schlüsselprobleme bezeichnet hat – wie die Friedensfrage, soziale Ungleichheit, Ökologie, Kommunikation und Kontrolle etc.

In der Fakultät für Erziehungswissenschaft haben Studierende und Lehrende in der AG FÜS/FÜB fast ein Jahr um die Maßstäbe gerungen, die diesem neuen Bereich zugrundeliegen sollten. Streitbar verständigt haben wir uns auf die Bildung zum citoyen, der als kritische Persönlichkeit in der Lage ist, mündig in das Gemeinwesen einzugreifen, die gesellschaftlichen Probleme erkennt und konfliktfähig ist, um bessere Bedingungen zu schaffen.

So heißt es im Papier „Das Fachüberschreitende Studium (FüS) in der Fakultät für Erziehungswissenschaft als Unterstützung der Bildung zum Citoyen“ der AG FÜS vom 26. Januar 2014:

„Die Universität hat die Verantwortung zur Identifizierung, Formulierung und Erforschung sowie zur Lösung epochaler Schlüsselprobleme (wie z.B. Krieg/Frieden, soziale Ungleichheit, ökologisches Ungleichgewicht) beizutragen. Auch vor diesem Hintergrund soll das FüS den Studierenden und Lehrenden einen Raum bieten, in dem
kritische Perspektiven auf die bestehenden Verhältnisse, Praxen, in der sozialen Auseinandersetzung und in der Selbstreflexion erarbeitet und entwickelt werden,
– sich gemeinsam in Mündigkeit zur Mündigkeit gebildet wird,
– gesellschaftliches Engagement- innerhalb und außerhalb der Universität gefördert wird
– und exemplarisch (neue) Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten entwickelt und erprobt werden können. Das soll möglichst geschehen in interdisziplinärer, kritischer Reflexion im Sinne einer Zusammengehörigkeit von Theorie und Praxis sowie durch die direkte Anregung zur Entwicklung überfachlicher methodischer, sozialer und selbstreflexiver Fähigkeiten. Lernen durch Handeln und Reflexion mithilfe wissenschaftlichen Wissens und Denkens kann so neue Erfahrungen der demokratischen Mitgestaltung eröffnen.“ (S. 1)

Den affirmativen Berufspraxisbezug (in der Form des ABK) haben wir ersetzt durch einen kritischen Praxisbezug. Im Rahmen der uniweiten Diskussionen über den (ehemaligen) ABK-Bereich hat der Erziehungswissenschaftler Ludwig Huber den Begriff des „reflektierten Spezialisten“ geprägt. Bezogen auf das Studium bedeutet das, dass der durch das Fachstudium qualifizierte „Spezialist“ durch die explizite Einbeziehung erweiterter Perspektiven und Theorien der Nachbardisziplinen und einer historisch-kritischen Bearbeitung einer im jeweiligen Fach angesiedelten Fragestellung zum „reflektierten Spezialisten“ werden kann. In diesem Sinne hat auch die Konzeption von Projektstudien explizit den Anspruch, eine kritisch auf die Gesellschaft bezogene Fragestellung sowohl von allen Teilnehmer:innen gemeinsam zu entwickeln als auch gemeinsam intensiv unter Einbezug der Perspektive von Nachbardisziplinen zu bearbeiten. Mit dem Anspruch der Bearbeitung von gesellschaftlich relevanten Fragen der Erziehungswissenschaft, dem Einbezug von kritischer Gesellschaftstheorie sowie der Verortung von Erziehungswissenschaft in der Gesellschaft und der Möglichkeit der Durchführung von Projekten in der Praxis bzw. mit ständigem Bezug zur Praxis ist ein kritischer Praxisbezug herzustellen.

Der FÜB soll insbesondere aus solchen Projektstudien bestehen. Das ist kein Zufall: Das Projektstudium ist in den 1970ern entwickelt worden, als besonders geeignete Form Theorie und Praxis in einer Veranstaltung zu vereinen, durch das forschende Lernen einen Gegenstand zu durchdringen und in Form von Projekten praktische Ableitungen zu treffen – gesellschaftlich einzugreifen. Projektstudien dauern mehrere Semester (derzeit drei Semester) und ermöglichen eine langfristige Vertiefung in einer Seminargruppe.

Sobald die Maßstäbe verabschiedet waren, waren die Mitglieder der Fakultät von der AG FÜS/FÜB aufgerufen, Konzeptionen für Veranstaltungen einzureichen, über die die AG dann beraten hat.

Zu Beginn gab es vier Projektstudien, die ab 2015 angeboten wurden: Ein Projektstudium zur Friedensbildung, eines zur Demokratiebildung, zu Kommunikation und Gesellschaft sowie das Projektstudium „Uni in gesellschaftlicher Verantwortung“. Zudem gab es – wenige – einsemestrige Veranstaltungen, die aber auch auf dem Boden der skizzierten Maßstäbe standen.

Das Projektstudium „Uni in gesellschaftlicher Verantwortung“ ist im Kontext des FSR Erziehungswissenschaft entstanden und war gewissermaßen Motor für die Ausrichtung des FÜB als citoyen-Bildung. In diesem dreisemestrigen Projektstudium beschäftigen wir uns mit je einem aktuellen epochaltypischen Schlüsselproblem und erarbeiten erziehungs- und bildungswissenschaftliche Antworten und Lösungen. Aktuell findet es zum vierten Mal statt. Bisher haben wir uns mit den folgenden Themen und Problemen beschäftigt:

1) Flucht und Migration als epochaltypisches Schlüsselproblem – Erziehungs- und bildungs-wissenschaftliche Zugänge und Fragen
2) Flucht und Migration als epochaltypisches Schlüsselproblem – Inklusion als Antwort der Erziehungs- und Bildungswissenschaft?
3) Die Revolte an der Uni Hamburg 1968/69 – Kontinuitäten, Konsequenzen und Schlussfolgerungen für heute“ (Projekt: Produktion des Films „Aufbruch – Die 68er Revolte an der Uni Hamburg“, online zu schauen unter: https://aufbruch.blogs.uni-hamburg.de)
4) Das aktuell laufende Projektstudium beschäftigt sich mit „Konfliktfähigkeit und produktivem Streit“ als bildungs- und erziehungswissenschaftliche Antworten auf Demokratie- und Menschenfeindlichkeit und konzipiert als Projekt einen Teil der Ausstellung „Konflikte“ im Museum der Arbeit (Ausstellungseröffnung: coronabedingt frühestens im November).

Im Wintersemester wird das nächste Projektstudium „Uni in gesellschaftlicher Verantwortung“ beginnen.

Die gemeinsam erstrittenen Maßstäbe waren mal (weitgehend) erfüllt. Aktuell könnte man meinen, dass nicht alle im FÜB angebotenen Veranstaltungen auf Grundlage der citoyen-Bildung angeboten werden, sondern vielmehr der individuell-restriktiven Softskill-Ausrichtung schöne Augen machen. Vor diesem Hintergrund sollten im beginnenden Sommersemester – mit Blick auf die Planung der nächsten Semester – die Veranstaltungen im FÜB daraufhin überprüft werden, inwiefern sie den genannten Maßstäben noch gerecht werden oder ob eine Reform des FÜB an der Zeit ist, mit der die Bildung zum citoyen und eine progressive gesellschaftliche Entwicklung im Rahmen von Projektstudien gestärkt wird.

Dafür ist zeitnah die AG FÜS/FÜB einzuberufen.

Wir, der FSR Erziehungswissenschaft, sind insgesamt in die Studienreformaktivitäten involviert, dazu gehört auch die Reform des FÜB-Bereichs. Ihr seid herzlich eingeladen Euch daran zu beteiligen – meldet Euch dafür einfach bei uns.

(https://fsr-erzwiss.blogs.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2021/04/DIGITAL-Final-Pi-Rat-Nr_19-09-IV-2021.pdf, S. 7-8).